Es ist Zeit, dass jede sexuelle Orientierung als Norm anerkannt wird!

Von Sarah Weber und Florian Fuss

“Heute – heute ist der Tag, an dem ich es meinen Eltern sage. Werden sie es akzeptieren? Mein Vater eher nicht. Meine Mutter – wahrscheinlich auch nicht. In der Schule gab es ja schon ein Riesentheater. Dabei bin ich doch eigentlich ein ganz normaler Mensch. Es ist doch nur Liebe! Ist es denn so schlimm, dass ich anders bin? Werde ich wohl jemals ein normales Leben führen können? Wird mich jemals jemand verstehen und akzeptieren, so wie ich bin?”

Viele Homosexuelle hadern mit sich selbst, wenn es um die sexuelle Orientierung geht. Für viele stellt das Coming-Out eine grosse Herausforderung dar, denn leider ist die gesellschaftliche Hürde auch heute noch sehr hoch.

 

Der innere Kampf gegen die eigene Identität: Ein Statement von Florian Fuss

“Ich bin ein Betroffener dieser «Krankheit» – ich bin offen homosexuell. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden, doch einfach war es nicht. Ständig werde ich gefragt, wann ich mich dazu entschieden habe, schwul zu sein, und warum. Ein bestimmtes Wort in diesen Fragen stört mich immer wieder – die Möglichkeit, darüber zu entscheiden, hatte ich nie. Genauso, wie eine heterosexuelle Person sich nicht aktiv dazu entscheidet, dass sie sich zum anderen Geschlecht hingezogen fühlt. Ich fühle mich durch solche Fragen aber keinesfalls angegriffen, mehr bin ich traurig. Traurig, dass es heute oft noch an Aufklärung mangelt. Meiner Meinung nach sollten die verschiedenen Sexualitäten in der Schule Teil eines ausgeprägten Sexualkundeunterrichtes sein. Denn solange es Menschen gibt, die nicht darüber aufgeklärt sind, wird die Homophobie ein Teil unserer Gesellschaft bleiben. 

Über die Sexualität kann man also nicht entscheiden – doch man kann sich entscheiden, ob man diese verdrängt und verheimlicht, oder ob man sie öffentlich lebt. Der Kampf mit der eigenen Sexualität ist schliesslich nicht nur eine Phase – sie ist ein Prozess. Auch mein Weg zur Überwindung meiner Selbstzweifel war keinesfalls leicht. Viele Jahre lang habe ich mir selbst nicht geglaubt. Ich sah mich selbst nicht als «normal» an, sondern als krank. Ich hoffte auf eine schnelle Genesung, doch diese kam nicht. Von den ersten Neigungen, die ich bei mir feststellte, bis zu meinem ersten Outing vergingen mindestens fünf Jahre. Während all diesen Jahren habe ich diesen Teil meiner Identität nur für mich behalten, und konnte während dieser Zeit mit niemandem darüber sprechen. Dies nahm mich teils emotional ziemlich mit. 

Mein Ziel ist es, dass eines Tages das Ausleben der eigenen Identität als selbstverständlich wahrgenommen wird. Dass jeder Mensch als ein Gewinn für unsere Gesellschaft angesehen wird. Die Schweiz kann stolz sein, dass sie von verschiedenen Kulturen geprägt ist, und wir sollten von dieser Multikultur profitieren. Deshalb: Lass uns alle Menschen gleich behandeln und jeden und jede so sein lassen, wie er oder sie das möchte.” 

 

Das Problem unserer Gesellschaft

Tatsächlich leiden homosexuelle Menschen und andere Angehörige der LGBTIQ+-Community tendenziell eher an Depressionen. Die Angst, keine Akzeptanz von der Gesellschaft, der Familie und Freunden zu erlangen, ist gross. Ein möglicher Grund dafür ist das Fehlen von Vorbildern in der öffentlichen Szene. 

Hinzu kommt, dass unsere Gesellschaft stark vom Familienbild “Mutter, Vater und Kind” geprägt ist. Dieses konservative Familienbild wird als die Norm angesehen und lässt Regenbogenfamilien in der Gesellschaft komplett aussen vor. Dabei geht oft der wesentliche Punkt der Erziehung vergessen. Ein Kind braucht nicht zwingend Mutter und Vater, sondern Liebe, Geborgenheit und Aufmerksamkeit. Das Kind ist vor allem angewiesen auf einen sicheren Rückhalt – ob dieser männlich oder weiblich geprägt ist, spielt dabei keine Rolle. Natürlich wird wie bei Adoptivkindern auch bei Regenbogenkindern wohl oft die Frage nach dem biologischen Ursprung auftauchen. Diese ist absolut gerechtfertigt und soll am besten ehrlich und direkt beantwortet werden. Bessere und schlechtere Eltern gibt es aber in allen Familienkonstellationen. Es geht also schlussendlich nicht um den Ursprung des Kindes, sondern um dessen Erziehung.

Interessant ist, dass auch bei diversen Tierarten Homosexualität beobachtet wird. Laut der Tierschutzorganisation PETA zeigen unter anderem 90 % der beobachteten Giraffen homosexuelles Verhalten, und auch bei Pinguinen ist dies ein bekanntes Phänomen. Auch wenn man das sexuelle Verhalten anderer Tiere nicht einfach auf den Menschen übertragen darf, es ist ein klares Zeichen dafür, dass auch andere sexuelle Neigungen keinesfalls unnatürlich sind. Homophobie kann jedoch nur bei Menschen festgestellt werden. Unnatürlich ist daher nicht die Homosexualität – unnatürlich sind nur die Reaktionen darauf!

 

Fehlende verfassungsrechtliche Grundlage

Leider ist auch die rechtliche Gleichstellung für LGBTIQ+ in der Schweiz noch nicht gewährleistet. Verfassungsrechtlich gibt es tatsächlich noch Unterschiede zwischen heterosexuellen und homosexuellen Paaren. Als Junge Grünliberale können wir dies nicht akzeptieren. Die Debatte ist für uns unverständlich, denn laut Verfassung sind wir alle gleich. Der aktuell bestehende Verfassungsbruch muss daher schleunigst korrigiert werden. Wir fordern Gleichberechtigung für alle, unabhängig der sexuellen Orientierung! 

 

Keine Ehe zweiter Klasse

Vor über sechseinhalb Jahren, am 5. Dezember 2013, reichte Kathrin Bertschy, eine GLP-Nationalrätin aus Bern, die parlamentarische Initiative «Ehe für alle» ein. Nachdem im Jahr 2017 sowie im Juni 2019 eine Fristverlängerung eingereicht wurde, hat nun der Nationalrat letzte Woche endlich der Ehe für alle sowie der Samenspende für lesbische Paare zugestimmt. Wir sind hocherfreut über diesen wichtigen und längst überfälligen Schritt! Nun muss allerdings noch der Ständerat in der Herbst- oder Wintersession nachziehen, und auch danach könnte von der EDU noch das Referendum ergriffen werden. Der Kampf für mehr Gleichberechtigung ist also längst noch nicht zu Ende – doch wir werden nicht aufhören, bis wir alle gleichberechtigt sind.

Mehr Mut zu nachhaltigen Veränderungen statt ständiges Hinterherhinken!

Werde Mitglied und setze dich für eine nachhaltigere Wirtschaft ein!

Sarah Weber

Mitglied Junge Grünliberale Zürich, Optikerin i.A.

Florian Fuss

Mitglied Junge Grünliberale Zürich, Detailhandelsfachmann i.A.

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