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Corona und das Klima: Zwei Krisen, eine Antwort 

Von Maya Tharian und Line Cottier

Anfangs fühlte sich die Corona-Krise an wie ein Schnellzug, der unaufhaltbar auf uns zurast. Wir stehen auf dem Gleis und sehen ihn kommen. Noch ist er weit weg, doch er nähert sich mit rasanter Geschwindigkeit. Bald wird er auch uns erreichen, wir wissen es, aber trotzdem bleiben wir stehen und schauen weg. Denn dieser Schnellzug ist uns trotz aller Vorwarnungen unvorstellbar, und so versuchen wir ihn wegzudenken, solange wir können, damit wir bloss nicht zu früh unser Leben umstellen müssen. 

Monatelang haben wir zugesehen, wie die Pandemie Chaos in asiatischen Ländern auslöste, und den Medienrummel darum ausgelacht. Wochenlang haben wir unsere Köpfe über die Inkompetenz unserer italienischen Nachbarn geschüttelt und uns in Sicherheit gewogen. Denn uns, der kleinen neutralen Schweiz, die umgeben und geschützt von ihren Alpen und mit Gold und Schokolade gewappnet ist, kann sowas nicht passieren. Anderswo geschehen manchmal Unglücke, aber wir befinden uns in einem Vakuum, dessen Wohlstand niemand etwas anhaben kann. 

Genauso fühlt es sich mit der Klimakrise an. Seit 1950 ist die Klimakrise im Gange, und Bescheid wissen wir seit den 70ern. Heute, 70 Jahre später, kehren wir auch diesem Schnellzug noch immer den Rücken zu und vertrauen darauf, dass er uns noch lange nicht erreichen wird. Tatsächlich ist die Klimakrise aber schon da. Millionen von Lebewesen leiden heute schon massgeblich an den Konsequenzen der Klimakrise. Ob das nun die Bewohner der im Wasser versinkenden Malediven oder Küsten Bangladeschs sind, wegen schwindenden Ökosystemen vom Aussterben bedrohte Eisbären und Tiger oder grönländische Inuits und Bauern weltweit, deren Lebensgrundlage wegen schmelzenden Gletschern, Waldbränden und Ernteausfällen gefährdet ist – die Klimakrise hat bereits viele Menschenleben gekostet und wird unsere Welt, so wie wir sie heute kennen, früher oder später komplett auf den Kopf stellen.

 

Doch was wäre, wenn die Corona-Rezession zur Eindämmung der Klimakrise beitragen könnte? Was, wenn wir mit einem Konjunkturpaket zwei Krisen proaktiv angehen könnten?

 

Schon Wochen bevor der Bundesrat den Ausnahmezustand ausrief, als erste Berichte darüber veröffentlicht wurden, wie der Ölpreis auf der Börse drastisch gefallen war und wie strahlend blau der Himmel in Beijing nun sei, scherzte mein Vater: “Vielleicht ist diese Corona-Geschichte ja eine Art ausgleichendes Instrument der Mutter Natur. Die Klimajugend kann sich jetzt wohl entspannt zurücklehnen!”

Mit dieser Aussage ist er lange nicht der einzige. In den sozialen Medien werden beispielsweise die rückkehrenden Delfine in Venetien oder Satellitenbildern von abnehmender Luftverschmutzung in Shanghai bejubelt. Die Schlussfolgerung dabei: Ohne das übliche Menschentreiben kann die Natur wieder aufatmen und das natürliche Gleichgewicht wieder seinen Platz finden. Durch den Stillstand des gesellschaftlichen Lebens werden die schädlichen Effekte von Massentourismus, Luftverkehr oder CO2-intensive Produktionsweisen erst offensichtlich. Damit wird auch deutlich, dass man nach der Corona-Krise nicht einfach den alten Zustand wieder anstreben kann. Wenn die Delfine auch weiterhin bleiben und der Smog wegbleiben soll, braucht es stattdessen nachhaltigen Gewässerschutz, Anreize für eine klimafreundliche Produktionsweisen und grundlegende Veränderungen im Luftverkehr. Diese Ziele können durch ein paar Monate in Quarantäne und den damit verbundenen Einschnitten in unseren Konsum nicht erreicht werden. Die Corona-Krise mag also kurzfristig gesehen vielleicht eine Erholung der Natur ermöglichen. Langfristig ist sie aber bloss ein Tropfen auf den heissen Stein, wenn nicht sogar kontraproduktiv im Kampf gegen die Klimakrise. 

Es gibt nämlich auch diese Sicht der Dinge: Dass Corona das Schlimmste ist, was dem Klima in der aktuellen Lage nur hätte passieren können. Denn die weltweite Aufmerksamkeit, welche der Klimastreik mit seinen abertausenden Menschen auf der Strasse über das letzte Jahr hinweg täglich hat beanspruchen können, wird nun vollkommen von Corona-Berichten übernommen. Jede einzelne Seite jeder Zeitung ist dieser Krise gewidmet, sodass kein Raum für Diskussionen ums Klima übrig bleibt. Laufende Nachhaltigkeitsprojekte in Politik und Wirtschaft werden durch die Schockstarre, in der wir uns nun befinden, um Jahre zurückgesetzt. Auch in der Gesellschaft verlieren sich die Sympathien für das Klima. Für jemanden, der sich um seinen Arbeitsplatz und seine Einkommensquelle sorgen muss, ist das Klima keine Priorität. Denn die Klimakrise ist und bleibt in unseren Köpfen eine Bedrohung, die noch allzu weit weg ist. Die Corona-Krise als kurzfristige existenzielle Bedrohung und somit akute Gefahr überwiegt das Verständnis für die langfristige Vernichtung, welche die Klimakrise mit sich bringen wird. Angesichts einer hohen Arbeitslosenrate und einem Berg an Schulden könnte sich das Stimmvolk jeglichen politischen Bewegungen wie der Konzernverantwortungsinitiative und ihren Gegenvorschlägen oder der CO2-Steuer verweigern, die mehr Nachhaltigkeit, Transparenz und soziale Gerechtigkeit fordern und vor der Corona-Krise noch chancenreich erschienen. 

Welchen Schluss muss man jetzt daraus ziehen? Heisst das, dass die ökologischen Kräfte ihre Bestrebungen gegen die Klimakrise angesichts dieser hoffnungslosen Aussicht aufgeben sollen? Natürlich nicht. Denn wer den Blick zurück auf die Vergangenheit richtet, merkt schnell, dass Krisen und Rezessionen seit dem ersten Weltkrieg vor allen Dingen Weichen für Wandel sind, ob im negativen oder positiven Sinne. Wenn die Wirtschaft am Boden ist und alles wieder von Grund auf auf die Beine gestellt werden muss, fällt es einem leichter, etwas Neues aufzubauen. Eine Folge der beiden Weltkriege zum Beispiel war der revolutionäre feministische Fortschritt, den sie mit sich brachten, als auch die Frauen an der Heimatfront mitkämpfen mussten. Auch die Ölkrise in den 70er Jahren, welche die Weltwirtschaft und nicht zuletzt die Schweiz erschütterte, erlaubte es dem Schweizer Staat danach, aus seinen Fehlern zu lernen und den Ausbau des Schweizer Sozialstaates einschliesslich unserer Arbeitslosenversicherung als Auffangnetz für künftige Krisen voranzutreiben. Oder aber die Immobilienblase anfangs 90er: Eine besonders schlimme Rezession für die Schweiz, die sicher nicht zusammenhanglos mit den beispiellosen Veränderungen im darauffolgenden Jahrzehnt war. Zum Beispiel stieg die SVP raketenhaft auf, die Verfassung wurde (endlich) totalrevidiert und Telekom- und Bahnmarkt wurden (teil-)liberalisiert. Und zuletzt führte die Finanzkrise 2008 zu vorher nie dagewesenen und strengen Kapitalregulierungen sowie zum automatischen Informationsaustausch und Aufweichung des Bankgeheimnisses. 

Das Fazit daraus: Auch die Corona-Rezession ist eine Chance für Wandel. Sie könnte den nötigen Anstoss darstellen, den wir brauchen, um den erforderlichen systemischen Wandel für nachhaltiges Wirtschaftswachstum in die Wege zu leiten. Es liegt an uns, diese Chance zu packen und unseren Wiederaufbau proaktiv mitzugestalten. Aus den Aschen der Corona-Krise könnte eine Wirtschaft aufgebaut werden, die zugleich grün und liberal ist. Trotz Liquiditätsknappheit muss der Krise mit langfristigem, unternehmerischem und progressivem Vorwärtsdenken begegnet werden. Somit sollen die konjunkturellen Pakete, welche die Politik für die Überstehung der Krise vorsieht, nicht für eine kurzfristige Antwort auf die Corona-Krise eingesetzt werden, sondern für einen langfristigen wirtschaftlichen Wiederaufbau mit Rücksicht aufs Klima. Wir brauchen jetzt keine Wirtschaft, die uns in ein paar Jahren mehr Verlust einbringen wird, als wir heute gewinnen. Wir brauchen ein Wirtschaftssystem, das “Green Growth” predigt, das von erneuerbaren Energien gespeist wird und dessen zukunftsfähige und CO2-arme Sektoren stets gefördert werden – ein Wirtschaftssystem, in welchem Nachhaltigkeit belohnt wird.

Zurzeit handeln unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft und Politik wie für eine Krise angemessen: Schnell, flexibel, solidarisch und innovativ. Sie beweisen im Kampf gegen den Corona-Virus Tag für Tag, dass es möglich ist, unsere Wirtschaft für mehrere Wochen zu pausieren, dass wir sogar ohne politischen Antrieb einen riesigen Digitalisierungssprung meistern können, und nicht zuletzt, dass wir in Krisenzeiten zu grosser Solidarität fähig sind, sei es durch den Rückzug in unsere Häuser oder durch die risikoreiche Arbeit in der Pflege und in anderen systemerhaltenden Bereichen. Wir mögen zu Beginn zu langsam reagiert haben. Wir mögen Expert*innen und Warnzeichen zu lange ignoriert haben. Doch trotzdem zeigen wir heute mit kollektivem Verantwortungsbewusstsein, Flexibilität und Nächstenliebe, dass Hoffnung besteht und wir das Virus gemeinsam bekämpfen können. In diesem Sinne sagte Dr Tedros Adhanom Ghebreyesus, Direktor der WHO: “All countries can still change the course of this pandemic”. Das ist ein hoffnungsvoller Appell an die globale Community, aneinander zu denken und gemeinsam zu handeln. 

Genauso könnten wir auch der Klimakrise begegnen. Lasst uns aus dem aktuellen effizienten Krisenmanagement lernen und das gleiche Ausmass an Dringlichkeit auf die Klimakrise anwenden. Lasst uns den Klimanotstand ernst nehmen und den gleichen Mut wie bei der Corona-Krise beweisen. Den Mut, unsere Vision von einer klimafreundlichen und fairen Welt endlich in die Tat umzusetzen. Den Mut, unsere Wirtschaft zum Besseren zu verändern. Die Corona-Krise ist schlussendlich eine Chance für einen besseren Umgang mit der Klimakrise, denn beide Krisen lassen sich mit denselben Mitteln bekämpfen. Vielleicht wachen wir nun endlich auf und beginnen, weitsichtig zu denken. Denn wenn nicht jetzt, wann dann?

Es braucht proaktives Handeln und Taten statt Worte für eine nachhaltige Zukunft!

Sei auch proaktiv und werde Mitglied bei den Jungen Grünliberalen um in der Parteipolitik für nachhaltige Lösungen zu kämpfen!

Maya Tharian, Studentin

Vorstandsmitglied Junge Grünliberale Zürich

Line Cottier, Praktikantin Persistent Energy

Vorstandsmitglied Junge Grünliberale Zürich

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