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Wer Strassen säht, erntet Verkehr

Wir alle bewegen uns. Zu Fuss, im Zug, Bus, Auto oder auf dem Velo. Es erstaunt also wenig, dass Mobilität oft überemotional diskutiert wird – denn klar, niemand sitzt gerne bewegungslos zu Hause oder im Stau. Umso mehr müssen in Zukunft Konzepte entwickelt werden, die die unterschiedlichen Mobilitätsbedürfnisse von Stadt und Land berücksichtigen. Dazu muss man zwei grundlegende Elemente kennen, die den Verkehr bestimmen.

Zugegeben, es klingt bestechend, in einem kurzen Abriss eine sinnvolle Verkehrspolitik darzulegen. Doch bevor wir über Massnahmen, Infrastruktur, zwei- oder vier Räder diskutieren, müssen wir eine Basis haben, woran sich unsere Politik orientieren kann. Das bedeutet auch zu verstehen, wie man die Mobilität überhaupt beeinflussen kann. Und das ist eigentlich keine Hexensache, denn das Mobilitätsverhalten wird primär durch zwei Elemente geprägt.

Da ist einerseits die Reisezeit. Der Mensch tendiert dazu, jeweils das schnellste Verkehrsmittel zu wählen – logisch, oder? Letzten Endes heisst dies, dass der Verkehr auf der Strasse zunimmt, bis ein Reisezeit-Gleichgewicht besteht. Baut man also Autobahnen bis ins Stadtzentrum, wird der Autoverkehr und die Reisezeit soweit ansteigen, bis man mit dem öV gleich schnell am Ziel ist. 

Und jetzt kommt die Magie: Stau mit neuen Strassen zu bekämpfen, ist also relativ unsinnig. Es werden mehr Autos darauf verkehren, und es wird wieder Stau geben. Stattdessen gibt es ein besseres Mittel. Verbessert man nämlich den öV, werden Autofahrer darauf umsteigen – und so ganz freiwillig den Verkehr auf den Strassen mindern, bis sich ein neues Gleichgewicht einstellt.

Wenn du das verstanden hast, bist du schon einen Schritt weiter wie der höchste Autöler der Schweiz. Der ASTRA-Chef fordert momentan nämlich den Bau von doppelstöckigen Autobahnen bis in die Stadtzentren. Damit würden unsere Städte im Autochaos versinken, sie könnten eine solche Menge nicht aufnehmen – und letzten Endes käme niemand mehr vom Fleck.

Ich habe noch ein zweites prägendes Element versprochen: Es nennt sich die Marchetti-Konstante  oder das konstante Reisezeitbudget. Denn Cesare Marchetti konnte aufzeigen, dass Menschen in verschiedenen Ländern und Kulturen über Jahrzehnte hinweg durchschnittlich täglich die gleiche Zeit unterwegs sind – rund eine Stunde. 

Dieses Element erklärt auch, weshalb unsere Landschaft so aussieht, wie sie aussieht: Mittelalterliche Städte sind klein und kompakt, Pferd und Fuss waren die Hauptverkehrsmittel. In den 60er Jahren, mit dem Aufkommen der Automobile, wuchs die Agglomeration in die Fläche, Einfamilienhäuser wurden interessant. Ab den 90ern mit dem Taktfahrplan der S-Bahn entstanden um die Agglomerationsbahnhöfe relativ kompakte Siedlungen. 

In der Konsequenz heisst das für die heutige Verkehrsplanung, dass ein Reisezeitgewinn immer auch die Siedlungsstruktur verändert – die Leute wohnen tendenziell weiter weg von ihrem Arbeitsplatz und es stellt sich Mehrverkehr ein. Wenn wir also in Infrastruktur investieren – sei es auf der Strasse oder im öV – müssen wir uns immer diese beiden Fragen stellen: Wie verschiebt sich damit das Gleichgewicht der Verkehrsmittel? Wollen wir eine solche Verschiebung?

Nun, alle Massnahmen, die wir ergreifen, müssen sich danach richten. Und nun, da diese Grundlage gelegt ist, kann ich in einem nächsten Blog ausführen, was das für die Verkehrspolitik bedeutet. Da gibt es nämlich viele spannende Fragen in Zukunft: Rosengartentunnel? Parkplätze abbauen? Autonome Fahrzeuge? Tempo 30 generell? Für Diskussionen und Fragen bin ich gerne auf Twitter zu haben (https://twitter.com/tho__hug).

Mehr Intelligenz, weniger Beton?

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Thomas Hug, Verkehrsplaner

Vorstandsmitglied Junge Grünliberale Zürich
Liste 29, jGLP Zürich

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